Fotografieren.li

Fokusunschärfe

Fokusunschärfe als gestalterisches Mittel in der Fotografie

"Out of focus"

Die Methode der »falschen« Fokussierung eignet sich vorzüglich bei farbigen Lichtern in dunkler Umgebung. Wenn wir die Schärfe auf eine andere Distanz einstellen, als der tatsächlichen Entfernung entspricht, werden die einzelnen Lichtpunkte schwächer, aber flächenmäßig größer. Dabei werden die Motive unkenntlich. Das mag uns normalerweise stören, der große Vorteil ist aber: nun kommt die Wirkung der Farben voll zur Geltung. Es entsteht ein abstraktes Bild, das seine Wirkung nur durch die Farben und ihre räumliche Anordnung erhält. Wir eliminieren alle Details, die von der Farbwirkung nur ablenken würden.

Eine große Auswahl an farbigen Lichtern finden wir auf dem Jahrmarkt. Schauen Sie bei unscharfer Fokussierung durch den Sucher und halten Ausschau nach schönen Farbmustern und interessanten Kontrasten.

Denken Sie daran, dass die Farbscheibchen kleiner werden, wenn Sie die Blende schließen. Am besten machen Sie die Aufnahme bei ganz geöffneter Blende, dann wird das Bild genau so, wie Sie es durch den Sucher sehen. Wenn Sie abblenden müssen, weil Sie z.B. mit längerer Verschlusszeit noch Bewegungseffekte mit aufs Bild haben wollen, sollten Sie den Effekt der »Fokusunschärfe« mit der Abblendtaste überprüfen. Wenn Sie mit einem Weitwinkelobjektiv zu stark abblenden, wird unter Umständen die Tiefenschärfe so groß, dass die gewollte Unschärfe verschwindet.

Verstellen der Fokussierung

Zu Beginn oder kurz vor Ende der Belichtungszeit verändern wir die Schärfeeinstellung. Es resultiert eine zentrische Unschärfe, die zum Bildrand hin stärker wird.

Nehmen Sie den bildwichtigsten Teil in die Mitte. In den Bildecken wird die Unschärfe unter Umständen so groß, dass Sie Einzelheiten nicht mehr erkennen.

Ein stabiles Stativ ist von Vorteil. Einem leichteren Modell geben Sie mehr Standfestigkeit, wenn Sie die unteren Beine und die Mittelsäule nicht ausfahren.

Ist Ihre Unterlage stabil genug, gehen Sie am besten so vor, dass Sie vor dem Auslösen das Motiv unscharf fokussieren (Autofocus abschalten). Nun lösen Sie aus und drehen nach einer gewissen Zeit bei weiterhin offenem Verschluss den Distanzring am Objektiv auf die richtige Entfernung. Der Grad der Unschärfe ist nun abhängig von:

1. dem Grad der Unschärfe zu Beginn der Aufnahme

2. dem Anteil der Belichtungszeit, der mit der unscharfen Fokussierung gemacht wurde.

3. der eingestellten Blende

Machen Sie mehrere Versuche!

Ist Ihr Stativ sehr unstabil, bewegt sich die Kamera während der Schärfeveränderung und schwingt danach noch weiter aus. Um diese Verwacklungsunschärfe zu vermeiden, sollten Sie die Schärfeveränderung an das Ende der Belichtungszeit legen. Dabei auftretende Unschärfen durch die Bewegung der Kamera wirken sich nun weniger aus, da sie nur auf dem unscharfen Teil des Bildes sichtbar werden. Sie können während der Manipulation auch einen dunklen Gegenstand vor das Objektiv halten, bis die Kamera wieder ruhig liegt.

Diese Methode hat aber den Nachteil, dass Sie den Grad der Unschärfe schlechter vorausbestimmen können.

Haben wir eine Kamera mit Doppelbelichtungseinrichtung zur Verfügung, können wir eine scharf und eine unscharf fokussierte Aufnahme überlagern. Der Effekt der Unschärfe ist auch hier abhängig von der Schärfeeinstellung der »falsch« fokussierten Teilbelichtung und dem Anteil der einzelnen Aufnahmen an der Gesamtbelichtung.

Übrigens funktionieren die bei einigen Kameras verfügbaren »Weichzeichnerprogramme« (z.B. bei den EOS-Modellen von Canon) auf diesem Prinzip. So werden kurz hintereinander eine richtig und eine unscharf fokussierte Aufnahme auf das gleiche Negativ belichtet. Der Grad der Weichzeichnung lässt sich dabei aber nur beschränkt manipulieren.

Sehr detailreiche Motive sind für die beschriebenen Methoden nur bedingt geeignet.

Kirmes Focusunschärfe

Kirmes Fokusunschärfe

A1, Makinon Mirror 400mm, Tamron 2x-Konverter, ScotchChrome400, Blende 16, 1/250 - 1/60s.

Mit einer großen Brennweite können Sie auf dem Jahrmarkt bequem aus großer Distanz Ihre Farbkompositionen herauspicken. Der witzige Kreiseffekt der Lichter ergibt sich durch die Verwendung eines Spiegelteleobjektives.
Mit längeren Verschlusszeiten können Sie die obigen Effekte noch mit Bewegungseffekten kombinieren. Dabei sollten Sie aber mit Stativ arbeiten.

Solothurn Nachtaufnahme, Doppelbelichtung Fokusunschärfe

A1, 28mm, Blende 5.6, Doppelbelichtung mit 6 und 2s, Fujicolor HG200.

St. Ursen Kathedrale hinter dem Baseltor in Solothurn. Der Lichtsaum um die Gebäude entstand durch die unscharf gestellte Zweitbelichtung. Für diese wurde die Belichtung um mehr als eine Stufe reduziert.

Der Unschärfeeffekt entsteht hauptsächlich dadurch, dass sich beim Fokussieren auch geringfügig die Brennweite des Objektives ändert. Drehen wir den Fokussierring auf eine nähere Distanz, nimmt die Brennweite zu. D.h. wir zoomen das Motiv leicht heran. Dadurch nimmt die Unschärfe gegen den Bildrand zu, was bei der Wahl des Bildausschnittes zu berücksichtigen ist.

Focusunschärfe Blumen

Focusunschärfe Blumen

A1, 90mm, Blende 11, 1s, Fujicolor HG200.

Makroaufnahmen mit dynamischer Fokussierung. Nach etwas mehr als der Hälfte der Belichtungszeit wurde die Schärfeneinstellung nach einer näheren Distanz hin verstellt und bei der Aufnahme rechts ein Blaufilter vor das Objektiv gehalten.