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Bewegungsunschärfen und -effekte

Bewegungseffekte als bewusste Unschärfe in der Fotografie

Verschwommene Bilder können wir mit einem Weichzeichner-Filter produzieren. Lassen die Lichtverhältnisse aber ein Arbeiten mit längeren Verschlusszeiten zu, bieten sich mehrere zusätzliche Techniken an, Unschärfen zu bewirken. Bewegungs- und Mitzieh-Effekte sind Ihnen vielleicht bekannt. Hier noch einige Erweiterungen

Mit Filter

Lange Belichtungszeiten bringen den Vorteil mit sich, dass wir den Effekt von Filtern variieren können. Halten wir den Filter während der ganzen Verschlusszeit vor das Objektiv, haben wir die volle Wirkung. Entfernen wir ihn früher wieder, vermindert sich der Effekt. Auch der Weichzeichner lässt sich so stufenlos anwenden.

Einen Schraubfilter können Sie kaum vom Objektiv entfernen, ohne dass sich die Kamera bewegt. Verwenden Sie besser einen Filterhalter, aus dem man die Filter nach oben wegziehen kann. Oder halten Sie den Filter einfach vor das Objektiv.

Bewegungsunschärfe

Enthält unser Bild statische und bewegte Elemente, werden bei fixierter Kamera und langen Verschlusszeiten die statischen scharf abgebildet, während die bewegten verwischt wiedergegeben werden. Bekanntestes Beispiel dafür sind Wasserfälle, die wie weiße Watte über die Felsen hängen.

Das klassische Sport- oder Aktionsfoto zeigt ein in allen Elementen stillstehendes Bild, dessen Inhalt man mit Recht als »eingefroren« bezeichnet.

Mittlerweile scheint es Mode geworden zu sein, den Sportlern auch im Bild etwas Dynamik zuzugestehen. Mit immer längeren Verschlusszeiten werden heute unsere Lieblinge der Nationen bis zur Unkenntlichkeit abgelichtet, so dass der Name des Sportlers nur noch anhand der Leibchennummer oder der Bildlegende herausgefunden werden kann.

Aber dafür strotzt die Aufnahme von Dynamik. Allerlei Wisch-, Schwenk- und Fahrbewegungen sind erkennbar, die auf der klassischen, fixierenden Abbildung nur erahnt werden können.

Geschwenkte Kamera

Bei der Bewegungsunschärfe durch eine bewegte Kamera geht es eigentlich um eine gewollte Form der Verwacklungsunschärfe. Man spricht dabei auch etwa von »verrissener Kamera« oder »Mitziehen«. Und es ist eine hervorragende Methode, die Dynamik einer Bewegung mittels der Langzeit-Fotografie zu vermitteln.

Bekannt sind die mitgezogenen Fotos von Sportfotografen, die - bei mittlerer Belichtungszeit - mit der Kamera ein bewegtes Motiv verfolgen. Das Foto vermittelt einen Eindruck der Geschwindigkeit, denn der Hintergrund verwischt dabei in der Bewegungsrichtung, der Sportler selbst ist aber scharf abgebildet.

Oder sollte es wenigstens sein! Die Technik ist nicht ganz so einfach, wie es scheint. Die Verschlusszeit darf nämlich nicht zu kurz sein. Sie richtet sich nach der Geschwindigkeit der Schwenkbewegung der Kamera und liegt so zwischen 1/250 und 1/4s. Je länger die Verschlusszeit, desto stärker der dynamische Effekt der Abbildung.

Aber auch desto größer die Gefahr einer misslungenen Aufnahme. Während der ganzen Verschlusszeit sollte nämlich das bewegte Motiv still und unbeweglich im Sucher stehen. Das bedeutet, dass Sie den Sportler genau verfolgen müssen. Dummerweise ist genau während dem Auslösen das Sucherbild unserer Spiegelreflexkamera schwarz. Wir müssen also unseren Athleten vor dem Druck auf den Auslöser genau verfolgen und während der Aufnahme die Schwenkgeschwindigkeit der Kamera beibehalten.

Motive, die sich zu uns hin oder von uns weg bewegen, kommen für diese Technik nicht in Frage, da sich während der Belichtungszeit auch ihre Größe ändert.

Fotografieren Sie aus einem fahrenden (oder fliegenden) Fahrzeug, bewegt sich Ihre Kamera relativ zur Umgebung. Die Effekte sind die gleichen wie bei einer geschwenkten Kamera. Wenn Sie das Innere des Fahrzeuges mit abbilden, bekommen Sie einen Eindruck der Geschwindigkeit und der Fahrtrichtung.

Problematisch ist häufig der Helligkeitsunterschied zwischen dem Fahrzeuginnern und der »Außenwelt«. Wenn wir die Szene im Innern richtig belichten, wird der Blick durch das Fenster meistens zu einem Blick ins Weiße. Dem können wir abhelfen, indem wir die Belichtung durch die Scheibe messen und das Innere mit Blitz aufhellen.

Wenn man kontrollierte Lichtverhältnisse vorzieht (z.B. für Werbeaufnahmen), werden die Fenster mit quergestreiftem, buntem Papier abgedeckt, was den Mitzieh-Effekt simulieren soll.

Mit einer geschwenkten Kamera lässt sich aber auch einem vollkommen statischen Motiv ein Effekt von Bewegung verpassen. Reizvoll werden dabei die Kombinationen von fixierter und bewegter Kamera. D.h. die Kamera wird zu Beginn der Belichtungszeit auf einer Unterlage abgestützt und später geschwenkt oder anderweitig bewegt. Der zeitliche Anteil der ruhenden und bewegten Kamera bestimmt auf dem Bild die Helligkeit der beiden Phasen.

Bewegungsunschärfe ist aber auch ein willkommenes Element der Bildgestaltung. Bildwichtige Elemente lassen sich hervorheben, indem wir sie vor einem in Bewegungsunschärfe verschwimmenden Hintergrund plazieren. Der Effekt lässt sich manchmal mit dem einer geringen Tiefenschärfe vergleichen.


Mit geschwenkter Kamera Bewegungsunschärfe zu erzeugen ist auch eine beliebte Methode innerhalb der sogenannten Lomografie, deren Name sich herleitet von einer russischen Kompaktkamera. Das eher einfache Modell (Belichtungsautomatik) ist sehr handlich, praktisch und erträgt auch mal einen Stoß. Damit lassen sich wilde Schwenks machen, das Bildresultat ist dabei natürlich schwer vorauszusehen. Ich möchte hierbei auf entsprechende Foto-Websites wie Lomo.ch oder Lomo.de verweisen.

Es gibt auch Fotografen, die mit geworfenen Kameras Bilder machen. Ryan Gallagher ist einer dieser experimentellen Fotografen. Seine Website ist unter kineticphotography.net zu finden. Wunderbare Bilder, geschaffen mit "camera tossing".

Eisbahn

SA-300N, 18mm, Blende3.5, 1/2s, Agfachrome CTx100.

Auf der Eisbahn. Je schneller die Läufer, desto unschärfer, d.h. verwischter erscheinen sie auf dem Bild.

Kung_Fu

SA-300N, 135mm, Blende5.6, 1/8s, Agfachrome CTx100.

Kung-Fu-Fighter in Aktion. Die Bewegungsunschärfe dramatisiert den Kampf. Durch gleichzeitiges Mitziehen wurde der Hintergrund in Unschärfe gehalten.

Flughafen Rolltreppe Swissair

Canon A1, 90mm, Blende8.0, 1/4s, Fujichrome RD100.

"Ready for take off." Das SWISSAIR-Flugzeug auf der Rolltreppe zeigt bei der langen Belichtungszeit die erwünschte Bewegungsunschärfe.

Sabine_Zug_von_Positiv

T90, 15mm, Blende 2.8, 1/20s, Kodacolor100 Gold. Foto: Armin Rechberger

Die Abbildung durch das Fenster eines fahrenden Zuges zeigt bei längeren Verschlusszeiten den Effekt einer mitgezogenen Kamera.

Bewegungsunschaerfe

A1, 135mm, 1/125 - 1/15 - 1/4s, Fujicolor Super G Plus 800 und MChrome (Agfa) CTx100 (dritte Aufn.).

Klein-Andreas bei verschieden langen Verschlusszeiten. Je länger die Belichtungszeit, desto stärker der Bewegungseffekt, desto größer aber die Gefahr, dass durch unpräzises Mitziehen das Motiv »in Mitleidenschaft gerät«.

Sportwagen

SA-300N, 300mm, Blende27, 10s, Agfachrome CTx100.

Der Sportwagen, der so rassig um die Kurve prescht, ist in Wirklichkeit eine Modellausführung in Plastik. Es steht auf der Spule eines auf den Boden gelegten Tonbandgerätes, das ca. 4s nach dem Auslösen in Betrieb gesetzt wurde.

Alabasterfigur_drehend

Sigma SA-300N, 300mm, Blende27, 8s, Agfachrome CTx100.

Das griechische Mädchen, das sich hier so nett von allen Seiten zeigt, steht auf dem Teller eines Plattenspielers, der während der Aufnahme gedreht wird. In der Position, in der Sie das Motiv am längsten stehen lassen, erscheint es auf der Aufnahme am hellsten.

Bewegungsunschärfe

Minox 35 GT, 35mm, Blende 2.8, 2s, Fujichrome RD100.

Schnappschuss im Hallenbad. Durch die lange Verschlusszeit ergeben sich Bewegungsunschärfen durch die Personen im Hintergrund, wodurch sich das ruhig sitzende Modell optisch vom Hintergrund isolieren lässt.