Fotografieren.li

Available-Light

Aufnahmetechnik bei »Available Light«

Verfügbares Licht

Fotografieren bei »available light« (vorhandenes Licht) bedeutet, mit einem schwachen Lichtniveau auszukommen, ohne Blitzgeräte oder Studiolampen als Ergänzung zu verwenden.

Fotografieren wir nur mit dem Umgebungslicht, lassen sich Szenen in ihrer Natürlichkeit einfangen. Ohne Lampen oder Blitzgeräte sind wir zudem beweglicher und unauffälliger. Aus dem gleichen Grund arbeiten wir dabei häufig auch ohne Stativ. Wegen der Gefahr von Verwacklungsunschärfen müssen wir daher die Verschlusszeiten beachten.

Das Halten der Kamera

Was ist die längste Verschlusszeit, die Sie ohne zu verwackeln halten können? Das ist recht individuell und wohl nicht zuletzt abhängig vom jeweiligen Kaffee- und Zigarettenkonsum. Generell hört man von der »Reziprok-Regel«: die längste Verschlusszeit, die man von bloßer Hand halten kann, ist der Brennweite des verwendeten Objektives reziprok. Mit einem Weitwinkelobjektiv von 28mm können Sie dementsprechend 1/30s einstellen, während mit einem Tele von 500mm Brennweite 1/500s nötig wären.

Aber das hängt in Realität davon ab, wie Sie die Kamera halten. Gehen Sie für längere Verschlusszeiten in die Knie und stützen Sie die Ellbogen darauf. Oder lehnen Sie den Kopf (nicht nur den Rücken) gegen eine Wand oder einen Baum und pressen die Kamera gegen Nase und Backenknochen. Mit angehaltenem Atem ist so die Kamera fast wie angeklebt, und Sie können 1 bis 2s unverwackelt belichten.

Wenn Sie nicht durch den Sucher blicken müssen, können Sie das Kameragehäuse direkt gegen eine Wand oder eine Säule drücken. So lassen sich mehrere Sekunden verwacklungsfrei belichten.

Scharfeinstellung im Dunkeln

Bei ausreichender Beleuchtung sorgen Autofocus-Kameras für eine "automatische Schärfe". Dazu registriert das System die Oberflächenstruktur des anvisierten Objekts und stellt das Objektiv selbsttätig so ein, dass das Objekt möglichst kontrastreich und damit scharf abgebildet wird.

Diese Methode kann naturgemäß bei Dunkelheit und unzureichenden Lichtverhältnissen nicht funktionieren. Das Problem wird durch die automatische Zuschaltung eines in das Kameragehäuse integrierten Lämpchens gelöst. Dieses projiziert auf das Objekt ein für unser Auge nur schlecht sichtbares Muster, das das AF-System zur Scharfeinstellung auswertet.

Ist ein Blitzgerät montiert, übernimmt dessen etwas stärkere Leuchte diese Aufgabe. Aber die Reichweite dieser Beleuchtungsgeräte bleibt beschränkt, so dass bei schwachen Lichtverhältnissen die Autofocus-Steuerung nur auf relativ kurze Distanzen funktioniert. Bei vielen Nachtaufnahmen kommen wir nicht umhin, den Autofocus auszuschalten (finden Sie den Schalter im Dunkeln?) und von Hand scharfzustellen.

Häufig ist dabei das Bild auf der Mattscheibe zu dunkel, um die Schärfe im Sucherbild beurteilen zu können. Da bleibt nichts anderes, als die Entfernung abzuschätzen und anhand der Distanzskala auf dem Objektiv einzustellen. Üben Sie die Distanzschätzung bei Tageslicht. Fokussieren Sie auf ein Motiv, schätzen die Distanz und vergleichen den geschätzten Wert mit dem auf der Meterskala des Objektives.

Bei vielen Aufnahme kann man sich damit begnügen, auf Unendlich zu fokussieren. Bei Verwendung eines Weitwinkelobjektivs und einer mittleren Blende ist dann von wenigen Metern Distanz bis Unendlich alles scharf abgebildet.

Wissen Sie im Dunkeln, in welche Richtung Sie den Fokussierring drehen müssen, um auf Unendlich scharfzustellen? (Bei den meisten Objektiven im Gegenuhrzeigersinn, von der Gehäuseseite her gesehen.)

Das richtige Film-Material

Fotografen und Foto-Journalisten, die bei solch kritischen Lichtverhältnissen (Gala-Abende, Modeschauen, Vernissagen) zu guten Bildern kommen müssen, benutzen hochempfindliche Filme, deren Korn für den Druck noch vertretbar ist (z.B. den Fujicolor Super G Plus 800, bezeichnend mit dem Zusatz »for press/professionals« versehen), gepaart mit lichtstarken Objektiven. Die letzteren sind schwer (das Canon Zoom 70-200 mit einer Lichtstärke von 1:2,8 wiegt zum Beispiel fast 1300g). Umgekehrt wird die Brieftasche beim Kauf solcher Edelobjektive deutlich leichter. Als Amateur begnügt man sich in der Regel mit dem lichtstarken 50er, das noch finanzierbar ist. Benötigen Sie längere Brennweiten, greifen Sie eben zu einem hochempfindlichen Film. Nach dem Motto: besser grobkörnig als verwackelt!

Für diese Fälle sind Filme mit hoher Empfindlichkeit auf dem Markt. Einer der Kodak TMax-Filme z.B. besitzt eine Grundempfindlichkeit von ISO 3200/36° ASA und lässt sich bis 12500 ASA pushen. Damit seien Aufnahmen bei Mondschein möglich, versprechen die Prospekte. Aber erwarten Sie keine Wunder! In einer schummrigen Bar oder Disco kommen Sie ohne lichtstarke Optik mit jedem Film ans Limit, auch wenn er noch so teuer war.

Rechnen wir mal nach anhand eines Beispiels: In einer Bar benötigen Sie mit einem lichtstarken 1.8er Normalobjektiv und einem 100-ASA-Film eine Verschlusszeit von 1s. Mit unserem hochempfindlichen Film mit 3200 ASA gewinnen wir 5 Belichtungsstufen. Damit kommen wir auf eine Verschlusszeit von 1/30s. Viele Situationen kriegen wir so schon hin, die Gefahr von Bewegungs- und Verwacklungsunschärfe ist aber noch immer groß. Nicht vergessen dürfen wir die kleine Tiefenschärfe des offenen lichtstarken Objektives. Und das grobe Korn, das mit den hohen ASA-Zahlen einhergeht, ist auch nicht immer erwünscht.

Empfindlichkeitssteigerung des Filmes

Ist man mal darauf angewiesen, mit kürzeren Verschlusszeiten zu arbeiten, kann man Filme bewusst unterbelichten und danach »forciert« entwickeln. Gut ist das möglich mit Schwarzweißfilmen, die man selber verarbeitet. Da wird einfach die Entwicklungszeit verlängert. Hochempfindliche Filme eignen sich für diese empfindlichkeitssteigernde Entwicklung besser. Sie führt aber praktisch immer zu gröberem Korn und stärkeren Kontrasten.

Auch Umkehrfilme wie der Ektachrome400 oder der speziell für forcierte Entwicklung vorgesehene Fujichrome Provia 1600 lassen sich »pushen«. Die spezielle Verarbeitung (die Erstentwicklungszeit wird verlängert) im Fachlabor ist aber teuer. Normalerweise kommt es auch zu folgenden Verlusten in der Wiedergabequalität: Verringerung des Belichtungsspielraumes, verminderte Maximalschwärzung, verstärkte Kontraste, leicht verschobenes Farbgleichgewicht.

Wollen Sie Farbnegativfilme pushen, sollten Sie zu den Produkten der Profis greifen. Das sind z.B. die Ektapress Gold II 400 und 1600 von Kodak.

Kerzenlicht available light Sternfilter

Canon AE1, 35mm, Blende 2.8, 1/8s, Ektachrome400.

Schnappschuss bei einer Hochzeitsfeier. Um Lichtverluste zu vermeiden, wurde auf einen Blaufilter verzichtet, deshalb der extreme Farbstich durch die Glühlampen und Kerzen.

available light

Canon T90, 50mm, Blende 1.4, 1/30s, Fujichrome RH400.

Auf dem Weg zur Frühschicht. Aufnahme von bloßer Hand in der Morgendämmerung. Das lichtstarke Objektiv ermöglichte die für die Lichtverhältnisse kurze Verschlusszeit. Diese Aufnahme von Armin Rechberger (Zürich) wurde 1991 bei einem Fotowettbewerb zum Thema »Velo« mit dem dritten Preis ausgezeichnet.
Beim Scannen konnte der Detailreichtum des Dias nicht komplett übertragen werden.

Bauchtaenzerin_1_hochaufl

Canon A1, 50mm, Blende 1.8, 1/15s, Kodacolor CF1000.

Bauchtänzerin, belichtet von einem Scheinwerfer. Da draußen nicht indirekt geblitzt werden kann, sollte man versuchen, mit dem vorhandenen Lichtniveau auszukommen. Lichtstarke Objektive und hochempfindliche Filme müssen sich da manchmal ergänzen.

Copacabana Beauty Available Light

Canon A1, 600mm Mirror, Blende11, 1/30s, Ektachrome400.

Available-Light-Fotografie an der Copacabana. Nur dank der empfindlichkeitssteigernden Entwicklung des Filmes auf 1600 ASA war das Fotografieren bei den Lichtverhältnissen noch möglich. Um ein Verwackeln der langen Brennweite zu verhindern, wurde die Kamera auf dem Bauch liegend auf einer Tasche aufgestützt.

Disco Available Light

A1, 50mm, Blende 1.8, 1/15s, Kodak T-Max P3200, als 6400 ASA belichtet.

In der Disco mit sehr hochempfindlichem Film. Trotz lichtstarkem Objektiv sind relativ lange Verschlusszeiten erforderlich. Bei bewegten Motiven kommt es unweigerlich zu Bewegungsunschärfen.

Available Light Bewegungsunschärfe

Canon A1, 400mm Mirror, Blende 6.7, 1/4s, Fujichrome1600 Provia.

Schnappschuss durch das Fenster eines Fitnessstudios. Gemäß Reziprokregel wäre mit obigem Objektiv eine Verschlusszeit von längstens 1/400s noch von Hand zu halten. Bei diesen Lichtverhältnissen sind solche Belichtungszeiten natürlich illusorisch. Um nicht zu verwackeln, wurde die Kamera gegen einen Pfeiler gepresst.