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Belichtung

Richtig belichten in der Langzeitfotografie

Schwarzschilds Quintessenz

Bei schlechten Lichtverhältnissen gilt generell: reichlich belichten!

Ein Zuviel schadet selten, sehr viele Nachtaufnahmen sind unterbelichtet. Unabdingbar ist natürlich ein Blick auf die Tabelle der Reziprozitätsdaten.

Im Bereich der Verschlusszeiten, die Ihre Kamera automatisch reguliert, können Sie mit der Belichtungskorrektur arbeiten. Ist die nötige Belichtungszeit aber länger, bleibt Ihnen keine Wahl: manuell ist angesagt.

Ein Beispiel: 30s ist eine Verschlusszeit, die viele Kameras noch automatisch belichten. Zeigt ihr Fotoapparat, dass er nun 30s belichten würde, die richtige, korrigierte Verschlusszeit aber 45s beträgt, stellen Sie das Verschlusszeitenrad auf "B" und belichten »von Hand« mit Hilfe des Sekundenzeigers Ihrer Armbanduhr.

Zurück in die Steinzeit

Ist die Langzeitkorrektur des eingelegten Filmes nicht bekannt, verfahren wir nach nebenstehendem Schema. Bei gleichbleibender Blendeneinstellung macht man eine Belichtungsreihe mit abgestuft zunehmenden Verschlusszeiten, ausgehend von dem gemessenen Wert. Eine der Aufnahmen wird dann (hoffentlich!) richtig belichtet sein.

Gleich verfährt man, wenn bei dunklen Lichtverhältnissen der Belichtungsmesser nicht mehr anspricht. Bei vielen Kameras funktioniert die Belichtungsmessung nur bis zu einer Sekunde. Aber auch die 30s, die heutige Modelle bieten, reichen nur bei klaren Vollmondnächten und unter Verwendung lichtstarker Objektive aus. Bei schwachem Licht müssen wir also häufig auf die Handgelenk-mal-phi-Methode zurückgreifen. Wie die allerersten Fotografen der Geschichte stehen wir in der Landschaft: mit der Uhr in der einen, dem Drahtauslöser in der anderen Hand.

Auf Anhieb ist die Wahl der richtigen Verschlusszeit schwierig. Negativfilme haben einen großen Belichtungsspielraum, mit einem Diafilm dagegen liegen wir schnell mal daneben. Auch mit 30-jähriger Erfahrung geht es kaum ohne Belichtungsreihen.

Belichtungsmessung bei Nacht

Besitzen Sie einen Belichtungsmesser, der auch bei wenig Licht noch anspricht, können Sie sich »von« schreiben. Kameras mit einem Messbereich bis 30s sind schon ganz passabel, häufig ist das aber immer noch zu wenig. Ein guter Handbelichtungsmesser wäre da manchmal Gold wert.

Gewöhnen Sie sich daran, Belichtungsreihen zu machen. Mit der Zeit lernen Sie, die Lichtverhältnisse und die zugehörigen Belichtungswerte abzuschätzen.

Sie können den Messbereich Ihrer Kamera ausdehnen, indem Sie ein Blatt weißes Papier vor das Objektiv halten und anmessen. Spricht der Belichtungsmesser auf das helle »Ersatzmotiv« noch an, multiplizieren Sie die angegebene Verschlusszeit mit dem Faktor 6 und belichten mit diesem Wert.

Eine Überschlagsrechnung geht davon aus, dass der Mond mindestens 5000-mal schwächer ist als das Sonnenlicht. Das entspricht etwas mehr als 12 Belichtungsstufen Unterschied. Würde man eine Landschaft bei Sonnenschein auf einen 100­ASA­Film bei Blende 8.0 mit 1/125s belichten, ergibt sich für dasselbe Motiv bei Vollmondlicht eine Belichtungszeit von mindestens 40s bei gleicher Blendeneinstellung.

Korrektur des Reziprozitätsfehlers

mit Belichtungsreihen bei unbekannten Reziprozitätsdaten

Negativfilm

gemessene Belichtungszeit 1 s : Belichtung mit 1 und 2 s

gemessene Belichtungszeit 10 s : Belichtung mit 15, 20 und 30 s

gemessene Belichtungszeit 100 s : Belichtung mit 200, 300 und 400 s

Diafilm (Tageslichttyp)

gemessene Belichtungszeit 1 s : Belichtung mit 1, und 2 s

gemessene Belichtungszeit 10 s : Belichtung mit 10, 20 und 40 s

gemessene Belichtungszeit 100 s : Belichtung mit 200, 400 und 800 s

Richtig belichten

Korrektur des Schwarzschildeffektes

Reziprozitätsdaten von ausgewählten Filmen. Die Daten stammen von den Produktionsfirmen.

0 = keine Korrekturen notwendig

k.A. = keine Angaben d. Herstellers

n.e. = ohne Test nicht empfohlen

R = Rotfilter

B = Blaufilter

M = Magentafilter

Y = Gelbfilter

Der Schwarzschildeffekt wechselt von Emulsionsnummer zur nächsten, so dass verbindliche Angaben nicht gemacht werden können. Für größere Fotoserien lohnt es sich, Filme mit derselben Emulsionsnummer (stets hinterste Zifferngruppe) zu verwenden und zuvor einen der Filme zu testen.

Die Belichtungskorrektur mit Blendenstufen ist manchmal praxisfremd. Häufig will man gerade den Blendenwert vorgeben, oder man kann bei schwachem Licht nur noch mit geöffneter Blende im Automatikbereich arbeiten. Da ist man gezwungen, die Korrektur mit einer Verlängerung der Belichtungszeit vorzunehmen. Dadurch gerät man in einen Bereich mit stärkerem Schwarzschildeffekt, so dass die Filterkorrekturen nicht mehr stimmen.

Deshalb stehen bei Farbfilmen die Angaben in Blendenstufen. Die Verlängerung der Verschlusszeit kann aber mit einem wissenschaftlichen Taschenrechner einfach berechnet werden:

Verlängerungsfaktor der Belichtungszeit = 2Blendenkorrektur

Zu den Belichtungsmessmethoden

Während ältere Kameras praktisch nur die mittenbetonte Integralmessung (die Mitte des Sucherbildes wird in der Messung verstärkt gewichtet) kennen, lassen sich neuere Modelle häufig von Matrix- zu Integral- und Spotmessung umschalten.

Grundeinstellung ist normalerweise die Matrixmessung, die auch Mehrfeldmessung genannt wird. In diesem Funktionsmodus sucht die Kamera in ihrem Speicher, in dem ein paar tausend Aufnahmesituationen gespeichert sind, nach der den aktuellen Aufnahmeverhältnissen am ehesten entsprechenden.

Laut Prospekten werden damit praktisch alle Lichtsituationen gemeistert. Bei vielen Nachtaufnahmen, wo wir häufig extremste Licht- und Kontrastverhältnisse antreffen, ist dies aber nicht unbedingt der Fall. Das System hat zugleich den Nachteil, dass man nie so genau weiß, was das Maschinchen jetzt gerade aus der Wundertüte holt bzw. wie der eingebaute Computer die Verhältnisse interpretiert.

Die mittenbetonte Integral- und vor allem die Spotmessung sind besser durchschaubar. Da merkt man, dass die Integralmessung bei Lampen im Bildfeld vor allem diese Lichtquellen misst und eine starke Belichtungskorrektur oder eine Selektivmessung auf die dunklen Bildteile nötig macht. Die Matrixmessung entscheidet in solchen Situationen je nach Stärke der Lichtquellen und deren Lage im Bildfeld wieder anders. Für unsere nicht all-»täglichen« Verhältnisse sind Integral- oder Spotmessung besser geeignet.

Wo messen wir?

Häufig wird empfohlen, den hellsten und den dunkelsten Bildteil anzumessen und an der Kamera den Mittelwert einzustellen. Bei extremen Hell/Dunkel-Kontrasten ist es aber nicht möglich, helle und dunkle Bereiche gemeinsam richtig zu belichten, da der Belichtungsspielraum des Films das nicht zulässt. Wir müssen uns entscheiden, ob wir die Details in den hellen oder den dunklen Bildteilen erkennen wollen. Darum machen wir auf dem Motiv, das wir richtig belichtet haben wollen, eine Selektivmessung. Können wir die Kamera auf Spotmessung umschalten, lässt sich das bequem vom Aufnahmestandpunkt her erledigen. Sonst gehen wir - mit Integralmessung - ans Motiv heran und speichern die Belichtung. Dazu dient bei den meisten Kameras die AE-L Taste (»Auto-Exposure-Lock«, bei Pentax ML bezeichnet). Sind wir nahe genug am Motiv, so dass vom zu hellen oder zu dunklen Hintergrund nichts mehr im Sucher zu sehen ist, drücken wir auf die AE-L Taste. Mit gedrückt gehaltener Taste gehen wir nun zurück, bis der Bildausschnitt wieder stimmt, und lösen (bei stetig gedrückter Speichertaste) aus.

Überlegungen über Belichtungsmessung und Messmethoden machen natürlich nur Sinn, wenn die Lichtverhältnisse eine Messung überhaupt noch zulassen. Fotografieren wir auf der Stellung "B", interessiert uns dieses Kapitel nicht mehr.

Wozu die Okularabdeckung?

Bei den meisten Spiegelreflexkameras wird die Belichtung durch eine lichtempfindliche Zelle gemessen, die oberhalb der Mattscheibe im Bereich des Pentaprismas angebracht ist. Diese Messeinrichtung ist von Lichtstrahlen auch durch das Sucherokular erreichbar. Bei üblicher Alltagsfotografie ist das nicht von Belang, da das Okular vom Auge abgedeckt ist. Bleibt der Sucher aber frei, kann das »von hinten« einfallende Licht eine größere Motivhelligkeit vortäuschen. Das ist ein Grund für viele unterbelichtete Aufnahmen. Machen Sie sich deshalb zur Gewohnheit, das Okular abzudecken, wenn Sie das Auge nicht am Sucher haben. Manche Kameras haben gar eingebaute Sucherverschlüsse (z.B. Canon A1), bei anderen lässt sich die Okularabdeckung bequem im Blitzschuh oder am Traggurt (Minolta Dynax) befestigen, so dass man sie immer dabei hat.

Geburtstagstorte

Oben ein typisches Beispiel einer Bildsituation, in der vor allem die Lichter gemessen werden und so zu unterbelichteten Bildern führen. Vielleicht ist Ihnen das gleiche passiert, als Sie einen Weihnachtsbaum fotografieren wollten.

Es bringt nichts, die Belichtung vor dem Anzünden der Kerzen zu messen, da bei der Aufnahme das meiste Licht von ihnen stammen wird. Am besten machen Sie eine Belichtungsreihe, wobei Sie ruhig gleich bei +1 beginnen dürfen. Versuchen Sie, das Problem auch mit dem Blitzgerät zu lösen. Sie müssen das Blitzlicht aber dosiert einsetzen (Langzeitblitzen mit reduzierter Lichtleistung). Das kalte Blitzlicht verdirbt sonst die Stimmung.

Greifensee Stimmungsbild Gegenlicht

A1, 90mm, Blende 2.8, ca.3s, MChrome (Fuji) 100.

Stimmungsbild vom Greifensee. Typische Gegenlichtaufnahme mit Integralmessung. Würden wir solange belichten, dass der Vordergrund hell genug abgebildet wird, wäre der Hintergrund um ein Vielfaches überbelichtet. Um die Stimmung nicht zu verderben, verzichten wir auf eine Selektivmessung oder Belichtungskorrektur und geben uns mit schönen Farben und Silhouetten zufrieden.

Eigenheiten der Kamera

Einzelne Kameramodelle haben den Empfindlichkeitsverlust bei längeren Verschlusszeiten bereits in ihrer Belichtungsmessung mit berücksichtigt. Ab bestimmten Lichtwerten wird überbelichtet, ohne dem effektiven Reziprozitätsfehler des eingelegten Filmes Rechnung zu tragen.

Z.T. werden auch die gewählten Verschlusszeiten nicht eingehalten. Treten solche Unstimmigkeiten auf, ist ein rezeptmäßiges Vorgehen natürlich illusorisch.

Manchmal finden sie solche Daten publiziert. Machen Sie am besten ein paar Versuchsaufnahmen und bestimmen selbst, wie Belichtungsmessung und -automatik Ihrer Kamera geeicht sind. Nehmen Sie dazu einen der aufgeführten Filme und belichten ihn bei verschiedenen Lichtverhältnissen nach tabellierten Angaben.

Belichtung

Abweichungen der Belichtung des alten Flaggschiffes von Nikon bei Zeitautomatik. Publiziert in »Foto Test« 6/80.

Die Funktionsgenauigkeit der F3 ist ausgezeichnet. +2/3 bzw. -2/3 werden als Toleranzgrenzen angegeben.

Entgegen obigem Beispiel tendieren viele Modelle dazu, bei langen Verschlusszeiten überzubelichten. D.h. die Kamera versucht, den Empfindlichkeitsverlust des Filmes zu kompensieren, ohne dass sie das effektive Langzeitverhalten kennt.

Via opto-elektrischer Abtastung könnte man heute der Kamera mit der Empfindlichkeit des Filmes (DX-Codierung) auch die Werte des Langzeitverhaltens übermitteln.

Tips zur Belichtungsregulierung

Ist vom Motiv her nicht eine gewisse Tiefenschärfe notwendig, lassen Sie die Blende geöffnet und steuern die Verschlusszeit über die Zeitautomatik.

Bei sehr dunklen Verhältnissen müssen Sie die richtige Verschlusszeit abzuschätzen. Orientieren Sie sich am besten an alten Aufnahmen mit demselben Film unter ähnlichen Verhältnissen.

Bei Vollmond reicht manchmal eine Belichtung von 20s, ansonsten müssen Sie mehrere Minuten belichten. Bei viel Kunstlicht (etwa durch eine starke Straßenbeleuchtung) ist manchmal eine Sekunde schon zuviel.

Das Aufschreiben der Aufnahmedaten möchte ich dringend anraten.

Sie können sich auch an die Angaben von anderen halten. Die Werte von Blende und Verschlusszeit können Sie bei ähnlichen Situationen übernehmen. Denken Sie aber daran, bei anderen Blendeneinstellungen die Belichtungszeit anzupassen (das Abblenden um eine Blendenstufe - z.B. von Blende 4.0 zu Blende 5.6 - ist durch eine Verdoppelung der Verschlusszeit auszugleichen). Zudem haben Sie dem entsprechenden Reziprozitätsfehler Ihres Filmes Rechnung zu tragen.