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Kontraste

Kontraste und zeitliches Auflösungsvermögen

Kontraste - Hell und Dunkel

Nicht nur beim Farbensehen unterscheidet sich unsere Wahrnehmung von der des Filmes. Auch Motivkontraste, d.h. der Gegensatz Licht/Schatten, werden häufig falsch beurteilt, was zu misslungenen Bildern führen kann.

Mit unseren Augen besitzen wir zwar den Bildwinkel eines Fisheye-Objektives. Die scharfe Auflösung beschränkt sich aber auf einen kleinen Bereich. Deshalb erfassen wir Gegenstände oder große Bilder nicht gesamthaft, sondern tasten sie partienweise ab. Je nach Helligkeit der anvisierten Stelle erfolgt die Empfindlichkeitsanpassung unseres Sehapparates.

Wir blicken auf einen hellen Bereich und unsere Irisblende schließt sich; beim Blick auf ein dunkles Motiv öffnet sie sich. Dies macht sie selbsttätig und unbemerkt. "Lokaladaption" nennt man diese automatische Helligkeitsanpassung des Auges. Dadurch erscheint uns eine Schattenpartie heller und eine Lichterpartie dunkler als es der Wirklichkeit entspricht.

Die Kamera dagegen soll nun alle Motivteile gleichzeitig und mit der gleichen Blendeneinstellung abbilden. Der Film verfügt dazu über einen gewissen Belichtungsspielraum. Wenn der Unterschied zwischen den hellen und dunklen Bildteilen nicht zu groß ist, werden sie beide erkennbar abgebildet. Ist der Kontrastumfang für den Film zu groß, finden wir in den hellen oder dunklen Bildteilen zu wenig Zeichnung, d.h. es sind nicht mehr alle Details sichtbar. Ist das Licht in den dunklen Bildteilen mehr als 30-mal dunkler als in den hellsten, werden bei Belichtung auf die Lichter (die hellen Bildflächen) die Schattenpartien so dunkel abgebildet, dass darin nicht mehr alle Einzelheiten erkennbar sind. Man spricht von »blockierten Schatten«.

Diese Situation, in denen der Belichtungsspielraum des Filmes überschritten wird, finden wir bei heiklen Lichtverhältnissen häufig. Dumm, wenn Sie den zu großen Kontrastumfang zu spät erkennen, nämlich erst, wenn Sie das misslungene Bild in den Fingern halten. Wir »sehen« eben anders als der eingelegte Film.

Umkehrfilme können lediglich einen Kontrastumfang von etwa 7 Belichtungsstufen bewältigen. Digitale Bildsensoren moderner Kameras zeichnen Details bis zu 9 Stufen (die größeren Sensoren von Spiegelreflexkameras sind dabei im Vorteil gegenüber den kleineren von Kompaktkameras). Gängige TFT-Bildschirme können bis zu 10 Blendenstufen darstellen, beim Druck sind es einiges weniger. Damit kann nur circa ein Zehntel des tatsächlichen Kontrastumfangs dargestellt werden.

Hell-Dunkel-Kontraste bei Nacht

Mondlicht bewirkt Kontrastverhältnisse, die denen bei Sonnenbestrahlung vergleichbar sind. Auch unser Trabant ist eine direkte, harte Lichtquelle, die starke Schatten wirft. Hingegen kommt es in der Dämmerung und in der Nacht häufig zu Nebel, der das Licht stark streut und weich macht. Eine Gelegenheit für kontrastarme, weich und gleichmäßig ausgeleuchtete Bilder.

Kunstlicht in der Nacht führt häufig zu extremen Kontrasten, die den Spielraum der Filme ebenfalls leicht überfordern.

Zum praktischen Umgang mit Kontrasten in der Fotografie

Arlbergpass

Minox 35GT, 35mm, Blende 2.8, 1/4s, Fujichrome RD100.

Der Arlbergpass während dem Eindunkeln. Mit unserem Auge können wir vor Ort sowohl in den hellen wie den dunklen Partien noch viele Einzelheiten erkennen. Für den Film ist aber der Helligkeitskontrast zwischen dem Himmel und den dunklen Bergen bereits zu groß.
Solche Situationen sind häufig. Oft erkennen wir auf den Bildern die Gegebenheiten kaum mehr wieder, weil wir die Verhältnisse mit unseren Augen ganz anders wahrgenommen haben.
Wenn wir auf die Berge belichten, wird der Himmel stark überbelichtet und ausgebleicht. Um dessen Färbung zu erhalten, wurde die Kamera gegen den Himmel gerichtet, die Belichtung dort gemessen und gespeichert. Durch die resultierende knappe Belichtung erscheint der Vordergrund unterbelichtet.

Verschlusszeit und zeitliche Wahrnehmung

Wie schon erwähnt, bedeutet das Wort Fotografie »mit Licht zeichnen«. Die übliche Fotografie gibt uns in etwa die Realität wieder, wie wir sie wahrnehmen, nämlich die Realität eines kurzen Momentes. Unser Auge hat quasi eine »Verschlusszeit« von ca. 1/16s. Dabei geht natürlich kein Verschluss auf und zu, sondern unser Sehapparat - bestehend aus den Augen und dem Gehirn - vermag pro Sekunde etwa 16-mal die optischen Informationen zu verarbeiten, die ihm geliefert werden.

Dieses zeitliche Auflösungsvermögen ist abhängig von der Helligkeit, da für die visuelle Wahrnehmung chemische Reaktionen im Auge ablaufen. Zudem werden grüne Farbtöne schneller wahrgenommen als blaue und rote.

Bedingt durch diese beschränkte »Sehweise« von Abläufen, erscheinen uns sowohl die Aufnahmen mit extrem kurzen als auch diejenigen mit extrem langen Verschlusszeiten fremd. Wir können weder eine fliegende Gewehrkugel sehen, noch realisieren wir ein Fahrzeug bei Nacht als farbige Lichtspur.

Die "visuelle Realität" ist aber subjektiv. So vermögen z.B. viele Insekten mehrere hundert Bilder pro Sekunde zu verarbeiten. Eine Fliege kann die Details eines vorbeibrausenden Schnellzuges wahrnehmen, während wir unsere Verwandten darin nicht erkennen könnten. Ein Kinofilm, der mit 24 oder 36 Einzelbildern pro Sekunde unserem Gehirn eine kontinuierliche Handlung vortäuscht, ist für eine verirrte Mücke gerade mal ein langweiliger Diavortrag.

Also überlegen Sie das nächste Mal, wen Sie mit "Mückenhirn" titulieren. Es könnte eine Auszeichnung sein.

Windrädchen mit 1/1000, 1/20 und 1/2s fotografiert.

Bei einem relativ schnell rotierenden Windrad sind wir nicht fähig, einzelne Details zu erkennen. Wir realisieren es aber auch nicht als gelbe Scheibe.

Häufig entspricht ein Foto mit einer Verschlusszeit von ca. 1/15s unserem visuellen Eindruck. Diese Aussage stimmt nicht generell; unter anderem deshalb nicht, weil wir mit unseren Augen einem bewegten Motiv folgen können.